Anno dazumal

„Anno dazumal“ oder „zurück in die Zukunft“ oder „warum der Rückblick den Blick für die Zukunft klärt“.

Das Leben ist ein Labyrinth, wer ohne nachzudenken, nur nach vorne stürmt, landet unter Umständen hart. Spätestens dann bleibt nur der Weg zurück, mindestens bis zum letzten Abzweig.

Die Forschung ist eine systematische Reise ins Unbekannte und setzt das Wissen um das Bekannte voraus. Am Ende, nach Ausschluss aller Kausalitäten bleibt oftmals nur der Erkenntnisgewinn auf einem langen Weg von „Versuch und Irrtum“.

In Kürze: Wer nicht weiß, was er hat, der hat keine Ahnung von dem was er gewinnen oder verlieren kann.

Ein Vortrag von Professor Weiger, vom BUND Naturschutz in Bayern – welchen ich (mehr oder weniger zufällig – mangels sonstiger Sitzgelegenheiten) auf einer Saatgutbörse besucht hatte, hat mich ins Grübeln gebracht. Wie ich bereits im Vorwort meines ebooks „Anzuchtstation“ geschrieben habe, geht mir das Thema nicht mehr aus dem Kopf. Wie sollen wir (Menschen) SO mit zukünftigen Herausforderung zurechtkommen?

In Kürze: Es gibt ca. 50000 grundsätzlich essbare Pflanzenarten. Von diesen nutzen wir 30 zur Gewinnung von 95% unserer Nahrungsenergie. Davon wiederum wird 60% aus „Weizen, Mais und Reis“ gewonnen. Damit stammt 60% unserer Nahrungsenergie aus nur 0,006% aller essbaren Pflanzenarten. Die „Food and Agriculture Organization of the United Nations“ http://www.fao.org/seeds/en/ spricht von 30000 essbaren Pflanzenarten und 5 Arten, welche 60% der (weltweiten) Nahrungsenergie liefern würden. Was bedeutet: Wir nutzen 0,017%, das klingt gleich viel besser oder? Aber spielen die exakten Zahlen eine Rolle, solange unsere Ernährung sich im Wesentlichen auf eine Handvoll Pflanzenarten stützt?

Über die Zeit habe ein Faible für ANDERES Essen und ANDERE Zutaten entwickelt. Es war nicht immer einfach „eine Extrawurst“ zu sein. Wer bloggt? noch vor 25 – 30 Jahren – ohne Weizen und ohne Kuhmilch – unbequem. Ein Urlaub hatte für mich oftmals den Charakter einer „Zwangsdiät“.

Medaille umgedreht – Gewichtsprobleme unbekannt.

Vor einigen Jahren habe ich, um die Lücke für selbstgeerntetes Obst zu verkleinern, drei „späte Ernten“ gepflanzt. Die großfruchtige Kiwi (reifen im Lager zur Weihnachtszeit nach) hat den Winter 2011/12 (Kältewelle unter -22°C) nicht überlebt. Der Kakibaum war nach zwei Wintern tot. Nur die Mispel (Mespilus germanica), die wächst und gedeiht. Als ich meine Mispel pflanzte, war sie wenig verbreitet. Als Gartenfrischling hatte ich auch keine Idee, wo ich Mispel Früchte hätte probieren können.

Egal – gesucht – bestellt – gepflanzt.

Na ja, seither bin ich auf der Suche nach Rezepten, die Mispel macht es mir nicht leicht. Auf einer dieser Recherchen für die in diesem Jahr wieder reichliche Mispel Ernte bin ich auf ein Büchlein von 1826 gestoßen. „Der Küchengarten oder kurze Uebersicht aller bekannten Gartengewächse, ihre Kultur e.a. nach dem Alphabet geordnet“ von W. Falkmann. Zugegeben ein sperriger Titel und auch noch in Fraktur gesetzt, nicht wirklich eine meiner Stärken.
Während ich mich durch den Text quälte, dachte ich – ja, warum nicht. Das Büchlein – zufällig aus einer für Küchengärtner höchst interessanten Zeit, als Auftakt einer kleinen Reihe „anno dazumal“. Mir geht es um Themen wie:

• „Welche Nutzpflanzen waren bekannt?“
• „Welche wurden in Gärten angebaut?“
• „Was wurde wie, von wem gekocht und gegessen?“
Und letztlich:
• „Was können wir für HEUTE wieder entdecken?

Also herzlich willkommen bei hoffentlich aufschlussreichen Rückblicken in Küche und Garten.

Relevante Zeiträume – aus dem Blick des Küchengärtners

Für mich, ganz unwissenschaftlich betrachtet, sind erfolgende vier Perioden von Interesse:

die Moderne – Kennzeichen sind Hochleistungssorten meist aus einem engen Genpool und in der Regel nicht sortenfest vermehrbar oder gleich steril. Dazu zählen für mich neuere F1 Sorten ebenso wie gentechnisch manipulierte Sorten. Dazu rechne ich aber auch Obstsorten, welche im Wesentlichen aus denselben Stammsorten entwickelt wurden. Vorherrschend die industrielle Lebensmittelproduktion und Abkehr von der bäuerlichen Landwirtschaft.

die Traditionelle – Kennzeichen sind viele regionale Saatgutbetriebe, bäuerliche Vermehrung und konventionelle Zucht. Sortenvielfalt und regionalangepasste Sorten stehen noch im Vordergrund. Es geht los mit (1492) Kolumbus, auch wenn viele der mitgebrachten Pflanzen eine Zeit brauchten, um es in unsere Gärten bzw. auf unsere Teller zu schaffen. Entwicklung der Kleinstbäuerlichen und auf Selbstversorgung orientierten Landwirtschaft hin zu einer primär national ausgerichteten, professionellen, im wesentlichen aber bäuerlich geprägten Landwirtschaft.

die VOR Kolumbuszeit – in der Zeit vor Kolumbus sah unser Speisezettel deutlich anders aus. Die Römer (ab 55 v. Chr. bis ca. 530 n. Chr.) brachten viele Pflanzen zu uns. Mein Ansatzpunkt stellt die „Capitulare de villis vel Curtis imperii“ soweit vorhanden dar. Diese Schriftstücke sind eine Art Inventar – eine Landesgüterverordnung, welche Karl der Große als Vorschrift zur Verwaltung seiner Krongüter erließ. (Es gab noch keinen Supermarkt.) Es wird vermutet, dass diese Schriftstücke um 812 n. Chr. in Aachen erstellt wurden. Egal, wie auch immer, für mich soll dies genau genug sein. Zweck der Verordnung war den Hof mit einer Art standardisiertem Vorrat an Lebensmitteln usw. zu versorgen. Zur damaligen Zeit hatten die Herrscher nicht einen Wohnsitz im heutigen Sinne, sondern waren samt Hofstaat immer AUF REISEN. Es ging von einer königlichen Pfalz (Krongut) zur anderen.

die VOR Römerzeit – vor der Ankunft der Römer war das Angebot an Nutzpflanzen wahrscheinlich eher begrenzt. Dabei sollte man bedenken, dass Lebensmittel grundsätzlich rar waren und kaum davon auszugehen ist, dass die vielen durchziehenden Völker keine Pflanzen mitgebracht haben. Neuere Isotopenanalysen an Kollagenen der Knochen von Neandertalern zeigen, dass ihre Ernährung zu etwa 20% aus pflanzlicher Kost bestanden haben muss. Zwischen den Zähnen von Neandertalern aus dem heutigen Iran und Belgien konnten Überreste von Datteln, Hülsenfrüchten und Samen verschiedener Gräser gefunden werden. http://www.spektrum.de

Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit, immerhin ist die Forschung auch noch aktiv. Der folgende Überblick ist eher zur Orientierung gedacht.

Der Kolumbus Effekt 1492
Zum Einstieg: https://de.wikipedia.org/
Dokumentarfilm auf Youtube (1492 Der Kolumbus Effekt Dokumentation deutsch) ca. 1 Stunde 31 Minuten.

Wir aus der „Alten Welt“ haben im Wesentlichen folgende Nutzpflanzen gewonnen:
Mais, Kartoffel, Erdnüsse, Tomaten, Kürbisse, Ananas, Papaya, Avocados, Kakao, Paprika, Süßkartoffel, Tabak, Vanille und Maniok. Aber auch Physalis und Tomatillo (vermutlich Amerika, wobei es auch eine europäische Lampionblume gibt) und die  Pepino (vermutlich aus Peru).

Phaseolus (Dazu gehören die Limabohne, die Feuerbohne, die Gartenbohne und diese in Form der Buschbohne, Stangenbohne, Nierenbohne, Perlbohne, Pintobohne, ..). – Zu den „Alte Welt“ Bohnen mit wahrscheinlicher Heimat Asien oder Afrika gehören die Vignabohnen. Beispiele sind die Adzukibohne, Urdbohne, Mungbohne, die Spargelbohne oder die Augenbohne.) Dazu zählt aber auch die bereits sehr früh (einige tausend Jahre v. Chr.) nach Europa gekommene Vicia faba Bohne, also unsere Ackerbohne oft auch Saubohne oder dicke Bohne genannt.

Chinarinde (Grundstoff für Chinin – das klassische Malariamittel. Wirkt schmerzstillend, fiebersenkend und in Form von Chininsulfat krampflösend. Übrigens, im Mittelalter und bis Mitte des 20. Jahrhunderts war die Malaria auch in Süd-, und in Mitteleuropa verbreitet! Zum Beispiel: Marschenfieber – Norddeutschland.

Die Römer

Die Uni Köln nennt Kirschen, Pflaumen, Wein (Reben) und Petersilie als sicher römischen Ursprungs. Bei ihren Forschungen konnten sie: „In den germanischen Siedlungen so gut wie keine Gewürze, kein Gemüse und kein Kulturobst finden“. Nur das bedeutet nicht zwingend, dass es keine dieser Pflanzen bei uns bereits gab. Erste Kulturformen der Wildformen von Apfel usw. sind aber klar römisch.

Bei den Römern (www.limes-pohlheim.de) gab es zu dem Getreide auch noch Aprikosen, Beifuß, Dill, Fenchel, Lauch, Koriander, Anis, Kümmel, Pfeffer, Liebstöckel, Basilikum, Sellerie, Sesam, Minze, Zwiebel, Nelken, Olivenöl, Ingwer, Lorbeerbeeren, Majoran, Estragon und Asant, Gurken, Kamille, Knoblauch, Mandeln, Marone, Muskatsalbei, Pastinak, Pfirsich, Ringelblume, Roggen, Hirse, Rosmarin, Sauerkirschen, Schnittlauch, Spargel, Walnuss, Wegwarte, Zitronenmelisse, Gartenmelde, Schild-Ampfer, Grüner Fuchsschwanz und Zwetschgen.

VOR den Römern

Je nach Quelle kann man davon ausgehen, dass vor ungefähr 7200 Jahren die Jäger und Sammler zu Bauern wurden. Die damaligen Nutzpflanzen Emmer, Linse und Erbse stammen aus dem Vorderen Orient und seien über den Balkan zu uns gekommen. Der Mohn allerdings käme aus dem westlichen Mittelmeerraum.

Bei den Germanen gab es schon Weizen, Gerste, Bohnen (Ackerbohne), Lein und Rüben. Dazu Nüsse, Pilze, Beeren und Wildobst. (http://www.germanen-und-roemer.de) Ursprung der Wildgerste ist nachweisbar der „Nahe Osten“. Wobei die Gerste bereits seit der Jungsteinzeit 5500 v. Chr. in Mitteleuropa angebaut wird. Weizen ist vermutlich das zweitälteste Getreide. Ursprung ist der Vordere Orient, in Europa aber erst mit der Weißbrot-Mode ab dem 11. Jahrhundert stärker verbreitet. Zuvor dominierten Einkorn, Emmer und Gerste.

In einem Papier der Uni Hohenheim ist beschrieben, dass in Süddeutschland bereits in der Jungsteinzeit Kümmel und Petersilie bekannt waren, dazu Wildapfel, Wildbirne, Vogelkirsche, Haselnuss und die Schlehe, sowie Himbeere, Brombeere und Erdbeere. (Nur um klarzustellen, unsere heutige Gartenerdbeere kommt nicht aus Europa!) Dinkel wird ab der Bronzezeit gefunden, in geringsten Mengen wohl auch Roggen und Hafer. In der Ukraine auch der Buchweizen. Die Wilde Möhre ist eine einheimische Pflanze, die Gartenmöhre vermutlich eine Kreuzung mit einer südeuropäischen Art.